Mo, 04. September 2017

Aktuell Im Interview: Martin Tiede, Innenarchitekt und wieder gewähltes Vorstandsmitglied

Spezialisten für das Wohlbefinden
Mit dem wieder gewählten Vorstandsmitglied Martin Tiede sprach Reinhard Jung.

BU: Martin Tiede aus Schorbus in der Niederlausitz vertritt bereits eine zweite Amtsperiode die Fachrichtung der Innenarchitekten im Kammervorstand. Der 50jährige Innenarchitekt, der an der Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle studierte, ist seit 1996 in verschiedenen Konstellationen selbständig. Für die Kammer leitet er seit diesem Frühjahr den Ausschuss Haushalt und Finanzen.

Jung: Herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Mit dreißig Kammermitgliedern sind die Innenarchitekten doch eine Orchideenfachrichtung. Was können sie, was Architekten nicht auch können?

Tiede: Was können sie besser, würde ich lieber fragen ... dann sind wir nämlich genau drin im Thema. Innenarchitektur ist eine Spezialisierung. Mit dem Blick fürs Ganze selbstverständlich. Über unsere Arbeit müssen wir immer wieder aufklären. Ich bin vor Jahren von einem Architektenkollegen gefragt worden, ob ich Trockenbauwände zeichnen kann. Wir bauen selbstverständlich. Auch viele unserer Auftraggeber wissen gar nicht, was wir neben den Gestaltungsaufgaben in Sachen Baurecht und Bautechnik alles leisten. Wir sind eben Architekten für den Innenraum und das Bauen im Bestand. Natürlich auch und mit großem Vergnügen Möbel- und Ausstellungsgestalter. Durch unsere Ausbildung haben wir uns besonders intensiv mit der Wirkung von Materialien, Farben, Licht und Akustik auseinandergesetzt. Wenn Sie so wollen, sind wir Spezialisten für das Wohlbefinden in Räumen. Das sind teilweise schwer messbare Effekte. Bei privaten Bauvorhaben muss man diese Kompetenz schon explizit wollen, um einen von uns zu beauftragen – deshalb machen solche Projekte dann aber auch sehr viel Spaß. Bei gewerblichen Bauvorhaben, nehmen Sie einen Laden oder eine Arztpraxis, kann der Nutzen von guter Innenarchitektur schon viel offensichtlicher sein, auch bei öffentlichen Bauvorhaben. Darauf sollte die Kammer immer wieder hinweisen. Damit die Innenarchitekten nicht vergessen werden, arbeite ich auch im Ausschuss unserer Fachrichtung bei der Bundesarchitektenkammer mit. Als Vorstandsmitglied in Brandenburg fühle ich mich natürlich allen Berufskollegen verpflichtet.

Jung: Ihr Steckenpferd sind Altbausanierungen – hat sich das aus der Innenarchitektur ergeben?

Tiede: Schon mein Diplom an der Burg Giebichenstein war ein sehr komplexes Thema zum Bauen im Bestand: Erweiterung, Umbau, Innenraum- und Ausstellungsgestaltung für eine Glasmanufaktur. Wenn man ernsthaft nachhaltig bauen will, und das ist mein Ziel, wird man schnell feststellen, dass die Weiternutzung und zeitgemäße Anpassung vorhandener Gebäudesubstanz diesem Anspruch in der Regel sehr gut gerecht wird – durchaus auch eine Innenarchitektenarbeit. Nicht alles, was heute technisch optimiert oder hocheffizient daherkommt, ist wirklich nachhaltig. Von der besonderen Atmosphäre historischer Bauwerke will ich gar nicht erst reden. Nachhaltigkeit, das habe ich in der Ausbildung zum Auditor für nachhaltiges Bauen sehr verinnerlicht, bezieht die sogenannten soziokulturellen Aspekte sehr stark mit ein. Da ist man als Innenarchitekt auch wieder sehr gefragt.

Jung: Seit einem Jahr sind Sie auch als nachweisberechtigter Fachplaner für vorbeugenden Brandschutz eingetragen. Wollen Sie den BER retten?

Tiede: Die Frage höre ich oft. Aber im Ernst: Mir geht es um eine Spezialisierung und eine interessante und auskömmliche Tätigkeit, aber es ist schon richtig, dass der Nachweis vor allem bei größeren Proje-ten eine Rolle spielt, also Sonderbauten, wie Schulen, Veranstaltungsstätten oder Industriebauten. Da ist gerade beim Bauen im Bestand mit Kolleginnen und Kollegen zusammen viel Fachkenntnis und Kreativität gefragt. Und eine Fachplanertätigkeit bietet die Chance, regelmäßig für dieselben Auftraggeber tätig zu werden. Ich habe mir auch die Frage gestellt, wo ich mir eine Spezialisierung erarbeiten kann, die mich gut auslastet. Denn die meisten Kolleginnen und Kollegen arbeiten selbstständig in kleinen Bürogemeinschaften und da ist es durchaus gut, wenn man sich ein besonderes Betätigungsfeld sucht. Da sehe ich übrigens auch eine Stärke und Aufgabe unserer Kammer: Aus-, Fort- und Weiterbildung. Das endet nie und ist für unseren Berufstand von besonderer Bedeutung und eröffnet auch neue Chancen.

Jung: Und jetzt kümmern Sie sich zusätzlich um die Kammerfinanzen. Auch ein hochinteressantes Thema?

Tiede: Klingt vielleicht erst einmal so trocken wie Brandschutz und nicht nach großer Innenarchitektur. Allerdings ist diese Aufgabe auch nicht gerade abschreckend, denn wir haben grundsolide Finanzen. Unsere Kolleginnen der Geschäftsstelle in Potsdam leisten da auch eine ausgesprochen gute Arbeit. Es geht ja am Ende darum, die Pflichtaufgaben unserer Berufsstandsvertretung und die Darstellung unserer Tätigkeitsfelder in der Öffentlichkeit mit den finanziellen Mitteln, die der Brandenburgischen Architektenkammer zur Verfügung stehen, in Einklang zu bringen. Und da leisten wir viel. Denken Sie an die Themen, bei denen wir uns in das öffentliche Bewusstsein hineingearbeitet haben: Die Stadtentdecker, Stadt und Land gestalten – Mach mit! und den Tag der Architektur, um nur einige Beispiele zu nennen. Das geht natürlich nicht ohne ehrenamtliches Engagement. Da würden unsere Möglichkeiten schnell ausgeschöpft sein. Deshalb rufe ich gerne Kolleginnen und Kollegen auf, sich einzumischen! Und deshalb bin auch wieder gerne im Vorstand dabei.