Mi, 08. November 2017

Vorstandsmitglied Dr. Krekeler im Interview: Denkmalpflege ist ein wichtiger Teil der Baukultur.

Mit dem wieder gewählten Vorstandsmitglied und Vorsitzenden des Denkmalausschusses Dr. Joachim Krekeler sprach für das DAB der Journalist Reinhard Jung

Erneut in den Kammervorstand gewählt wurde der 60jährige Architekt Hans-Joachim Krekeler aus Branden-burg (Havel). Nach seinem Studium in Holzminden und Hannover arbeitete er zunächst in arabischen Län-dern, bevor er sich 1991 in Berlin selbständig machte und 1993 nach Brandenburg zog, wo bis heute die Zentrale seines Büros ist, das mit vier Partnern und 40 Mitarbeitern vor allem denkmalpflegerische Projekte betreut, vorwiegend in Deutschland, aber auch weltweit von Paraguay bis Pakistan.

Jung: Herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Im Vorstand stehen Sie für Kontinuität und auch als Vorsitzender des Ausschusses Denkmalpflege. An welchen Themen arbeiten Sie gerade?

Krekeler: Denkmalpflege ist ein wichtiger Teil der Baukultur, zumal in unserem mit geschichtlichem Erbe reich gesegneten Land. Und die Aufgabe unseres Berufsstandes dabei sehe ich in der praktischen Um-setzung, also in dem immer wieder notwendigen Spagat zwischen akribischer Bewahrung einerseits und zeitgemäßer Nutzung andererseits, wo Kompromisse gefunden werden müssen – die allerdings besser oder schlechter ausfallen können. Diese Kompromisse im Einzelfall können wir im Ausschuss natürlich nicht finden, aber wir versuchen, im Austausch untereinander und mit Beteiligten, Herangehensweisen zu definieren, die bei so schwierigen Themen wie Barrierefreiheit oder Brandschutz oder Kontamination zu möglichst guten Kompromissen führen.

Jung: Barrierefreiheit ist doch eher ein altes Thema.

Krekeler: Aber der öffentliche Druck, diese Standards selbstverständlich vorauszusetzen, steigt. Beim Schloss Finsterwalde, das mein Büro für die örtliche Stadtverwaltung ausbauen durfte, war Barrierefreiheit auf allen Ebenen Voraussetzung, um überhaupt diese Investition zu tätigen. Wir mussten historische Decken mit Fahrstühlen durchstoßen, historische Zugänge mit Rampen ergänzen ... es war ein mühsames Ringen in jedem einzelnen Fall, aber gerade das macht ja die Denkmalpflegepraxis aus, dass wir zu Lö-sungen kommen, die den Bestand und das Erscheinungsbild des Denkmals weitestmöglich schonen und trotzdem funktionieren. An einem leer stehenden Schloss hat auch niemand Interesse. Ein Problem, das uns in letzter Zeit vermehrt beschäftigt, ist die Schadstoffbelastung von Bauteilen, etwa mit Hylotox gestrichene Dachstühle. Die können Sie nicht so ohne weiteres ausbauen. Hier stellt sich die Frage: Was kann man tolerieren, wo kann man mit Abdichtungen arbeiten, wo müssen im Zweifel Teile der histori-schen Holzkonstruktion geopfert werden, um eine Nutzung zu ermöglichen? Oder denken Sie an bleiweißhaltige Fensteranstriche ...

Jung: ... nie gehört.

Krekeler: Sehen Sie! An vielen historischen Holzfenstern enthielt der weiße Farbanstrich bis vor wenigen Jahrzehnten Bestandteile aus Blei. Wenn Sie solche Fenster sanieren und dabei die Farbe entfernen, was ja notwendig sein kann, wird Blei freigesetzt. Nun stellen Sie sich vor, Sie haben einen öffentlichen Auftrag für zwanzig Fenster ausgeschrieben und vergeben und der günstigste Bieter eröffnet Ihnen nachträg-lich, dass die Fenster um tausend Euro pro Stück teurer werden, weil er nämlich mit Schutzkleidung und Absauggeräten arbeiten muss. Ihr Bauherr wird Sie vierteilen. Mit all diesen Fallstricken der Praxis be-schäftigen wir uns, auch um innerhalb der Kollegenschaft aufzuklären.

Jung: Der Ausschuss tagt also nicht im stillen Kämmerlein?

Krekeler: Teils, teils. Wo wir besonderen Aufklärungsbedarf sehen, arbeiten wir der Fortbildung zu. Und wo wir Interesse auslösen wollen an bestimmten Themen, tagen wir mitgliederöffentlich, etwa bei unserer Sitzung im Sommer, als wir uns gemeinsam mit Vertretern des Landesamtes für Denkmalpflege mit historischen Friedhöfen auseinandergesetzt und dabei natürlich insbesondere unsere Landschaftsarchitekten angesprochen haben. Die Resonanz darauf war sehr gut und die Teilnehmer haben sich ganz intensiv auf die gartendenkmalpflegerischen Aspekte eingelassen.

Jung: Um Denkmalschutz gibt es ja immer wieder kontroverse öffentliche Diskussionen. Wie sollte sich die Architektenkammer dazu verhalten?

Krekeler: Wir können uns nicht zu jeder Kontroverse positionieren, an der ja oft genug auf beiden Seiten Berufskollegen beteiligt sind. Aber ich sehe es schon als Aufgabe des Ausschusses an, zu wichtigen Fragen eine Haltung zu gewinnen, beispielsweise zum angemessenen Umgang mit der DDR-Moderne, woraus sich eine Vielzahl an gestalterischen und bautechnischen Fragen ergibt. Eine aktuelle Kontroverse um ein Denkmal, wo wir sogar um unsere Einschätzung gebeten wurden, ist das Brecht-Weigel-Haus in Buckow, das schon wegen seiner prominenten Bewohner große Bedeutung besitzt und zugleich ein zauberhaftes Beispiel für die Reformarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts darstellt, komplett erhalten inklusive der idyllischen Parkanlage. Und genau in diesem Garten, also in unmittelbarer Nachbarschaft, soll ein Neubau mit Empfang, Verkaufsräumen, Büros und Toiletten künftig den Bestand entlasten. Eigentlich ein gutes Anliegen, freilich mit massiven Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild des Denkmals verbunden. Hier haben wir ein Stück weit vermitteln können – noch ist nichts entschieden, aber unsere Anregungen wurden positiv aufgenommen.

Jung: Eine unabhängige Einschätzung von außen ist doch auch das Konzept der Gestaltungsbeiräte?

Krekeler: Genau, damit will die Architektenkammer ländliche Kommunen unterstützen, die oftmals über großartige Baudenkmale und gewachsene städtebauliche Strukturen verfügen, aber personalmäßig so ausgedünnt sind, dass es vor Ort keine Experten mehr gibt, die das bei anstehenden Entscheidungen fachlich beurteilen können. Manchmal sind die Diskussionen auch schon so verfahren, dass einfach unabhängige Vermittlung nachgefragt wird. Leider sind die Gestaltungsbeiräte noch ein zartes Pflänzchen, aber genau dieser Blick von außen, durch Architekten, kann helfen, Potenziale zu erkennen, Lösungswege aufzuzeigen. Und er bringt zum Ausdruck, was der Berufsstand auf dem Gebiet der Denkmalpflege zu leisten in der Lage ist. Demselben Zweck dient übrigens eine Ausstellung, die wir mit dem Landesamt für Denkmalpflege und dem Wissenschaftsministerium für das European Cultural Heritage Year 2018 vorbreiten, auch eine wichtige Aktivität der Kammer. Wir wollen eine Reihe herausragender Baudenkmäler in Brandenburg und ihre nachhaltige, zeitgemäße Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren vorstellen – und damit zugleich den Wert von guter Planung dokumentieren.

Jung: Ist Denkmalpflege etwas für alle Architekten oder bedarf es dafür einer besonderen Qualifikation?

Krekeler: Wenn wir selber Mitarbeiter einstellen, nehmen wir gerne solche, die zum Beispiel das Aufbaustudium in Berlin oder Bamberg absolviert haben. Allerdings suchen wir ausdrücklich Architekten. Deshalb finde ich es wichtig, dass schon im Architekturstudium das Bauen im Bestand intensiv behandelt wird, zunächst einmal unabhängig von der Denkmaleigenschaft. Ich wünsche mir in der Architektenausbildung mehr Auseinandersetzung mit dem, was da ist und was man daraus machen kann, ganz praktisch. Wenn man ein historisch wertvolles Bauwerk für unsere heutige Zeit ertüchtigen und dabei einen eigenen Akzent setzen will, so ist das in meinen Augen eine unglaublich anspruchsvolle entwurfliche Herausforderung. Insofern: Ja, der von der Denkmalpflege praktizierte Ansatz zum Umgang mit Bauwerken ist etwas für alle Architekten, aber er wird nicht von allen Kollegen in gleicher Weise wertgeschätzt. Hier möchte ich im Berufsstand gerne noch mehr Begeisterung wecken.