Fr, 15. Dezember 2017

Vorstandsmitglied Frank Zimmermann im Interview: Berufsethische Grenzen in Erinnerung bringen

BU: Frank Zimmermann wurde im Frühjahr erstmals in die Vertreterversammlung gewählt – und gleich in den Kammervorstand. Der 58jährige Architekt aus Cottbus, der an der Technischen Universität Dresden studierte, machte sich nach fünf Jahren als angestellter Projektant im Industriebau gleich nach der Wende selbständig. Sein Architekturbüro ist deutschlandweit aktiv und plant vorwiegend öffentliche Bauten und Wohnungsbau.

Jung: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl. Was ist Ihr Motiv, sich nach Jahren der Enthaltsamkeit so massiv einzubringen?

Zimmermann: Das schlechte Gewissen. Eigentlich müsste es für jeden Architekten, zumal für einen Frei-berufler, selbstverständlich sein, sich in der Kammer zu engagieren. Wir haben ein hohes Gut zu verteidi-gen, nämlich dass wir uns als Berufsstand selbst organisieren können, unsere Rechte und Pflichten selbst definieren, die Berufsbezeichnung schützen, Regeln für die Berufsausübung aufstellen, ein höchst vorteil-haftes Versorgungswerk betreiben ... all das sind gewichtige Gründe, Verantwortung zu übernehmen. Konkreter Anlass war dann ein geschätzter Berufskollege, der mich persönlich angesprochen hat, und da habe ich geantwortet: wenn, dann richtig. Wenn ich in die Vertreterversammlung komme, dann will ich nicht nur abstimmen, sondern ich will auch vorbereiten, gestalten, umsetzen. Ganz fremd ist mir das alles ja nicht, ich war 1991 im Gründungsausschuss der Kammer und habe die erste Amtsperiode schonmal in Vertreterversammlung und Vorstand mitgewirkt. Insofern knüpfe ich an ein Engagement an, das viele Jah-re zurückliegt, das geruht hat aus verschiedenen Gründen, das ich aber stets als wichtig angesehen habe, deshalb ist schlechtes Gewissen schon die richtige Formulierung.

Jung: Ich schließe daraus, dass Sie in dem Vierteljahrhundert dazwischen die Berufspolitik zumindest mit Interesse verfolgt haben. Wie hat sich denn aus Ihrer Sicht die Kammer entwickelt?

Zimmermann: Vielleicht sage ich lieber etwas dazu, wie sich der Berufsstand entwickelt hat, denn damit kann ich ein Stück weit erklären, was ich in den kommenden fünf Jahren erreichen will mit einer Kammer, die sich als Berufsvertretung objektiv gut und effizient entwickelt hat, aber trotzdem vor gewaltigen Herausforderungen steht. Zunächst einmal, Architekt ist nach wie vor ein toller Beruf. Dass er immer komplexer wird, die Anforderungen steigen, damit können wir noch umgehen. Sorge bereitet mir allerdings, dass es, unabhängig von der aktuellen wirtschaftlichen Lage, immer schwieriger wird, Aufträge zu akquirieren. Vor allem für kleine Büros ist der Aufwand unsinnig hoch, zugleich werden Architekten immer wieder dazu gezwungen, berufsethische Grenzen zu übertreten. Unsaubere Wettbewerbe, kostenlose Vorleistungen, Unterschreitungen der Honorarordnung. Das sind keine Einzelphänomene und ich schließe mich da ausdrücklich nicht aus. Aber es ist schlecht für unseren Berufsstand, und genau deshalb habe ich als Vor-standsmitglied gerne den Vorsitz des Ausschusses Satzung und Recht übernommen. Das klingt trocken, ist es aber nicht, denn es berührt genau die Themen, die ich eben angesprochen habe. Wann, wenn nicht jetzt, in einer wirtschaftlich starken Phase wie zur Zeit, können wir Architekten diese ethischen Grenzen wieder in Erinnerung bringen? Und unseren Auftraggebern klar sagen: Bis hierher und nicht weiter!

Jung: Sind die Kammersatzungen denn nicht auf aktuellem Stand?

Zimmermann: Doch, alle gesetzlich notwendigen Änderungen sind gewissenhaft nachvollzogen worden, es wurde immer wieder angepasst und nachjustiert, aber im Kern haben wir noch die Satzungen aus der Gründungszeit der Kammer in den frühen 1990er Jahren. Ich möchte gerne grundsätzlicher über diese Regelwerke nachdenken angesichts der inzwischen aufgetretenen berufsethischen Probleme, die es früher so nicht gab, zumindest nicht in dem Ausmaß, und ich möchte dazu eine Haltung finden und für die Kammermitglieder verbindlich machen. Das betrifft vor allem die Berufspflichten in der Hauptsatzung. Eine weitere Aufgabe, die ich anpacken will, ist unsere Wahlordnung. Wir haben für meinen Geschmack nach wie vor eine deutlich zu geringe Wahlbeteiligung. Natürlich gibt es auch unabhängig von der Vertre-terversammlung zahlreiche Möglichkeiten, sich zu engagieren, gerade in unserer kleinen, fast schon per-sönlichen Kammer, das ist sehr schön, aber die Vertreterversammlung ist nun mal das höchste Gremium und ich denke, sie sollte gestärkt werden, indem die Wahl einfacher und interessanter gemacht wird. Wir werden uns im Ausschuss Schritt für Schritt alle Satzungen vornehmen und auf ihre heutige Funktionalität hin überprüfen, da ist einiges zu tun.

Jung: Sie haben 2001 mit einem spektakulären Stadtumbau-Projekt in Cottbus-Sachsendorf von sich reden gemacht, bei dem aus den Platten eines demontierten 12-Geschossers attraktive Mehrfamilienhäuser wurden. Wie bewerten Sie den Stadtumbau in Ostdeutschland?

Zimmermann: Schwierige Frage, eigentlich an jedem Ort anders. Manches ist gelungen, aber nach meiner Einschätzung überwiegen die schlechten Beispiele. In Städten, wo angesichts des Wohnungsüberhangs in Größenordnungen zurückgebaut wurde, zeigt sich heute neuer Wohnungsbedarf, weil viele vorhandene Wohnungen nicht am Markt vermittelbar sind. Da kann man schon an der Stadtplanung zweifeln. Beim Neubau entsteht viel Siedlung, wenig Stadt. Ich glaube, die Herausforderungen sind nach wie vor immens.

Jung: Ihr Eindruck von der Vorstandsarbeit nach dem ersten halben Jahr?

Zimmermann: Wir sind ein gutes Team. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, dass ich in dieses Eh-renamt Arbeits- und Lebenszeit investieren werde, aus den genannten Motiven. Aber ich habe nicht das Gefühl, ein Opfer zu bringen, im Gegenteil: Nach inzwischen vier Sitzungen bin ich immer noch hoch er-freut darüber, wie konstruktiv, spannend und persönlich angenehm die Zusammenarbeit im Vorstand ist. Bei unseren intensiven Diskussionen merke ich, wie nahe wir uns in berufspolitischen Themen eigentlich sind – wenn wir streiten, dann vor allem über Strategien, kaum über Inhalte. So kann es gerne weiterge-hen, dann kommen wir voran.

Mit dem neu gewählten Vorstandsmitglied Frank Zimmermann sprach Reinhard Jung.