Do, 14. September 2017

Zugangsvorraussetzungen für Vergabeverfahren nicht weiter hochschrauben! Interview mit dem neuen Vorstandsmitglied Marcel Adam, Landschaftsarchitekt

Marcel Adam hat sich nach zwei Amtsperioden in der Vertreterversammlung erstmals in den Kammervorstand wählen lassen. Der 52jährige Landschaftsarchitekt, der in Bad Zwischenahn Gärtner lernte und in Weihenstephan studierte, ist seit 1993 selbständig und betreibt heute ein bundesweit tätiges, auf Objektplanung spezialisiertes Büro mit neun Mitarbeitern in Potsdam.

Jung: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl. Was motiviert Sie, nach acht Jahren in der zweiten Reihe?

Adam: Mir war es ein Anliegen, dass ein Vertreter unserer Fachrichtung im Vorstand ist. Das ist von den Satzungen her kein Muss, wurde aber von vielen als unglücklich empfunden, dass in der letzten Amtsperiode weder Innenarchitekten noch Landschaftsarchitekten im höchsten Kammergremium vertreten waren. Dazu kam, dass mich der Ausschussvorsitz Wettbewerb und Vergabe reizte. Beides zusammen hat den Ausschlag für meine Bewerbung gegeben.

Jung: Wettbewerbe sind Ihnen wichtig?

Adam: Ein gewonnener Wettbewerb zur Platzgestaltung des Holzmarktes in Gardelegen war für mich vor vierundzwanzig Jahren die Eintrittskarte in die Selbständigkeit. Wettbewerbe sind oft besonders für junge Kollegen die einzige Chance, an Projekte zu gelangen und sich auf dem Markt zu beweisen. Wettbewerbe bieten uns die Möglichkeit, uns mit spannenden Aufgaben auseinanderzusetzen und uns fachlich weiterzuentwickeln, indem wir uns mit Kollegen messen und dabei neue Perspektiven gewinnen. Das ist mir in vielen Wettbewerben deutlich geworden, als Teilnehmer und inzwischen auch als Preisrichter. Die Teilnme an einem Wettbewerb bedeutet immer, eine Menge Zeit, Geld und Leidenschaft zu investieren und sich der Beurteilung durch eine Jury zu stellen. Es ist wichtig, dass anspruchsvolle Planungsaufgaben im anonymen Wettstreit entschieden werden, um die beste Lösung zu erzielen. Als Instrument der Planungs- und Vergabekultur unserer Gesellschaft hat sich der geregelte Architektenwettbewerb bewährt. Deshalb setzt sich die Architektenkammer so sehr für Wettbewerbe ein.

Jung: Und darauf können Sie im Ausschuss Wettbewerb und Vergabe Einfluss nehmen?

Adam: Wir nehmen Einfluss, indem wir werben und beraten, registrieren und damit dokumentieren, dass die Wettbewerbe rechtskonform sind. Das läuft derzeit äußerst erfolgreich und wir mussten unseren Ausschuss gerade auf zehn Mitglieder erweitern, um dem gestiegenen Interesse gerecht zu werden. Dieses Jahr haben wir in Brandenburg bereits 14 Wettbewerbe registriert, sechs weitere sind zurzeit in Vorbereitung. Letztes Jahr waren es insgesamt neun und im Jahr davor nur vier. Unsere Arbeit, auch die Verstärkung der Geschäftsstelle durch Frau Kotlan, trägt bereits Früchte. Wir zeigen den Auslobern die Möglichkeiten auf, die ihnen Wettbewerbe bieten, und achten darauf, dass die Regeln eingehalten werden. Ein Thema, das bei Auslobern immer wieder Anlass für Diskussionen ist, ist der erhöhte Kostenfaktor. Da muss man Überzeugungsarbeit leisten, meist gelingt uns das.

Jung: Trotzdem nehmen Wettbewerbe nur einen verschwindend kleinen Anteil am Auftragsgeschehen ein. Wie steht es um das zweite Aufgabenfeld des Ausschusses, die Vergabe?

Adam: Auftragsvergabe findet statt. Wo es Beanstandungen gibt, haken wir nach. Es gibt Bauherren, lei-der auch einige öffentliche Auftraggeber, die es mit Vergabe- und Honorarrecht nicht so genau nehmen. Hier führen wir Gespräche, im Einzelfall setzen wir juristisch nach. Das ist nicht immer angenehm, aber notwendig. Prinzipiell treten wir für transparente Vergabeverfahren ein, allerdings mit Augenmaß. Wir legen Wert darauf, dass die Zugangsvoraussetzungen für diese Verfahren nicht unnötig hochgeschraubt werden, damit auch die überwiegend kleinen brandenburgischen Büros eine Chance erhalten. Politischen Zündstoff birgt zur Zeit der Entwurf einer neuen Vergabeordnung unterhalb des Schwellenwertes. Da müssen wir die Interessen unserer Mitglieder wahren. Für eine Vielzahl von einfachen und kleinen Planungsaufgaben ist die freihändige Vergabe völlig in Ordnung.

Jung: Die rund 140 Landschaftsarchitekten machen mehr als zehn Prozent der Kammermitglieder aus, sind also nicht ganz so wenige wie die Innenarchitekten. Wie ist ihre öffentliche Wahrnehmung?

Adam: Ich befürchte, dass große Teile der Öffentlichkeit nach wie vor nicht genau wissen, was ein Landschaftsarchitekt eigentlich macht. Das schlägt sich unter anderem darin nieder, dass nur wenige private Bauherren in Brandenburg einen Landschaftsarchitekten mit der Planung ihres Gartens beauftragen. Allerdings war der vom Landschaftsarchitekten geplante Garten immer schon etwas Besonderes, das sich nur wenige leisten wollten und konnten. Demgegenüber stelle ich bei professionellen Auftraggebern eine wachsende Selbstverständlichkeit fest, unsere Leistungen nachzufragen. Öffentliche Bauherren wissen zum Beispiel bei der Sanierung von Innenstädten zu schätzen, dass durch gute Freiraumgestaltung Identität und Aufenthaltsqualität gestärkt werden können. Im Wohnungsbau entsteht heute keine größere Anlage mehr ohne Landschaftsarchitekten, und das liegt nicht allein an den notwendigen Nachweisen für Spielplätze und Regenwasserversickerung. Hier hat sich in den letzten Jahren viel verändert.

Jung: Vor zwei Jahren fand vor allem in Brandenburg die BUGA Havelregion statt. Finanziell gesehen endete sie mit einem Defizit. Wie bewerten Sie die Veranstaltung?

Adam: Man muss vielleicht vorausschicken, dass es sich bei einer Bundesgartenschau mit mehreren Standorten, die räumlich sehr weit auseinanderlagen, um ein völlig neues Konzept handelte. Dieser Ansatz hat sich vermutlich nicht bewährt. Gartenschauen sind unter Kostengesichtspunkten immer wieder in der Diskussion, trotzdem möchte ich eine Lanze dafür brechen. Eine Gartenschau ist nach meiner Einschätzung vor allem ein Vehikel für nachhaltige Stadt- und Freiraumentwicklung. Die Qualität der Erholungsräume erfährt durch die Schaffung neuer Freiräume und die Erneuerung vorhandener Grünflächen einen deutlichen Mehrwert. Gartenschauen haben viele positive Nebeneffekte und sind oftmals Auslöser für Quartiersaufwertungen und Wohnumfeldverbesserungen.

Mit dem neu gewählten Vorstandsmitglied Marcel Adam sprach Reinhard Jung.