Fr, 29. Juni 2018

Problemlösung mit Sachverstand: Interview mit dem Ausschussvorsitzenden Sachverständigenwesen

Mit Hartmut Tietje, Vorsitzender des Ausschusses Sachverständigenwesen, sprach Peter Neideck

Wird der Sachverständigenausschuss (der Brandenburgischen Architektenkammer) gelegentlich mit dem Gutachterausschuss (für Grundstückswerte im Land Brandenburg) verwechselt?

Tietje: Ich habe es noch nicht erlebt. Berührungspunkte beider Gremien gibt es keine. In unserem Ausschuss sitzt nur ein Mitglied, das sich mit der Bewertung von Grundstücken beschäftigt. Die anderen sind Sachverständige für Schäden an Gebäuden, für Schäden an Freianlagen, für historische Bausubstanz und für barrierefreies Planen und Bauen. Das Sachgebiet Architektenleistungen und Honorare ist nicht vertreten. Unsere Hauptaufgabe in der Kammer ist, interessierte Kolleginnen und Kollegen an die öffentliche Bestellung als Sachverständige heranzuführen. Darüber hinaus setzen wir uns für eine bessere Ausführungsqualität im Bauwesen ein, um auch von technisch-konstruktiver Seite einen Beitrag zur Baukultur zu leisten.

Sachverständige werden beauftragt, wenn bei einem Bauvorhaben etwas schief gegangen ist. Wie ist es, ständig den Finger in die Wunde legen zu müssen?

Tietje: Unsere Arbeit ist keinesfalls deprimierend, wie manche annehmen. Vielmehr ist sie herausfordernd, kreativ und abwechslungsreich. Leider hat der Sachverständige den Ruf des Besserwissers, der auf die Baustelle kommt und gnadenlos Fehler aufdeckt. Dieses Bild zu revidieren, liegt uns am Herzen, und wir arbeiten, unterstützt durch Vorstand und Geschäftsstelle, intensiv daran. Wir sind selbst Architekten und sprechen dieselbe Sprache wie die Kolleginnen und Kollegen. Bei Sachverständigen aus anderen Fachgebieten ist dies selten der Fall, weshalb Missverständnisse und unnötiges Konkurrenzdenken oft zu Streit führen. Dagegen helfen mehr gegenseitiger Respekt und vorurteilsfreie Kommunikation. Ideal ist die vom Bauherrn beauftragte, frühzeitige Zusammenarbeit zwischen Architekt/in und Sachverständigem/r, um Fehler von vorneherein zu vermeiden. Wie Fachingenieure können Sachverständige ein Bauvorhaben begleiten, so dass es für alle Beteiligten besser läuft. Und die Architekten bekommen noch eine kostenlose Fortbildung dazu. Ich konnte mehrfach erfahren, dass Architekten nach anfänglicher Skepsis die konstruktive Zusammenarbeit lobten, wenn ich vom Bauherrn in den Bauprozess eingebunden wurde.

Apropos Fortbildung: Die gehört auch zu Ihren Aktivitäten?

Tietje: Die Ausschussmitglieder bieten regelmäßig Fortbildungen an, so etwa zur neuen Abdichtungsnorm, zur Schimmelproblematik in Innenräumen oder zu den Flachdachrichtlinien. Außerdem überlegen wir, wie wir unser Fachwissen in Form von Einzelberatungen weitergeben können. Ähnlich der Rechtsberatung wollen wir akute Hilfe anbieten, müssen aber noch klären, wie sich dieses Angebot unkompliziert umsetzen lässt. Weiterhin planen wir, die Studierenden der BTU Cottbus in ergänzenden Baukonstruktions-Seminaren besser auf die Praxis vorzubereiten, da bei den Absolventen offensichtliche Defizite bestehen.

Das sind willkommene Vorschläge. Wie sieht es mit dem eigenen Nachwuchs aus?

Tietje: Der bietet Grund zur Sorge. Durch den anhaltenden Bauboom haben Architekten gut zu tun und scheuen den Aufwand, sich zum Sachverständigen weiter zu qualifizieren. Man muss es wollen und darf die Anstrengungen für die mehrjährige Fortbildung und die Hürden der öffentlichen Bestellung nicht scheuen, bis man vom Kammerpräsidenten vereidigt wird. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass erst bei einer wirtschaftlichen Flaute im Bauwesen mehr Anträge zur öffentlichen Bestellung eingehen werden. Momentan fehlt der Nachwuchs. Daher können wir „Älteren“ uns schon darauf einstellen, dass man uns im Ruhestand keine Ruhe gönnen wird. Es rücken einfach zu wenige Kolleginnen und Kollegen nach, und Arbeit ist genug vorhanden.

BU:
Hartmut Tietje ist seit 2012 Vorsitzender des Sachverständigenausschusses. Er ist Inhaber eines Architektur- und Sachverständigenbüros in Gottsdorf / Nuthe-Urstromtal. Durch eine Kollegin wurde er auf das Sachverständigenwesen aufmerksam, bildete sich 1999-2001 berufsbegleitend weiter und wurde 2003 öffentlich bestellt.